Vielleicht wachst du heute im Harz auf und hörst zuerst das Wasser. Nicht das große Rauschen des Meeres, sondern dieses helle, unruhige Plaudern eines Gebirgsbachs. Wenn du in der Nähe von Ilsenburg bist, könnte das die Ilse sein. Sie kommt vom Brocken herunter, springt über Granit, verschwindet hinter Farnen und taucht wieder auf, als hätte sie es eilig, dir etwas zu erzählen.
Die alten Harzer haben ihr zugehört. Und sie haben eine Geschichte weitergegeben, die genau zu einem Urlaubsmorgen passt: die Sage von der Jungfrau Ilse.
Die Frau, die den Felsen aufschließt
Hoch über dem Tal steht der Ilsestein, ein steiler Granitrücken, vom Tal aus schon wie ein altes Schloss zu sehen. In der Sage wohnt dort Ilse. Jeden Morgen, sobald der erste Sonnenstrahl den Fels trifft, schließt sie ihn auf, steigt hinab und badet in dem spiegelhellen Wasser, das ihren Namen trägt.
Nicht jeder darf sie sehen. Wer sie aber einmal erblickt, der spricht nachher leiser über Schönheit. Nicht über die laute, die man fotografieren will. Über die stille. Die, die bleibt, wenn du stehen bleibst.
Eines frühen Morgens sitzt ein Köhler an der Ilse. Er ist arm, er hat den Wald vor sich und den Tag auf den Schultern. Als er Ilse freundlich grüßt, winkt sie ihn zu sich. Vor dem Felsen nimmt sie ihm den Ranzen ab, klopft dreimal an den Stein – und der Ilsestein tut sich auf.
Sie geht hinein und kommt mit dem Ranzen zurück, schwer und voll. „Öffne ihn nicht eher, als du wieder in deiner Hütte bist“, sagt sie ernst. Der Köhler dankt, verspricht es und geht.
Auf der Brücke
Der Weg ist nicht lang. Aber der Ranzen drückt, und die Neugier noch mehr. Auf der Ilsenbrücke setzt er sich. Nur ein Blick, denkt er. Nur, um zu wissen, was er trägt.
Er öffnet den Ranzen – und sieht Eicheln. Tannenzapfen. Waldzeug. Nichts, das nach einem Geschenk aussieht. Unwillig schüttet er fast alles in den angeschwollenen Bach.
Dann hört er es: ein helles Klingeln, immer wenn die vermeintlichen Eicheln die Steine der Ilse berühren. Gold. Es war Gold gewesen. Und es fällt, Stück um Stück, in die Strömung, die nichts zurückgibt.
Erschrocken wickelt er den Rest in den Ecken des Ranzens zusammen und trägt ihn heim. Es bleibt genug für ein kleines Gütchen. Genug zum Leben. Aber nicht das, was ihm zugedacht war.
Was die Sage dir heute sagen will
Du bist nicht dieser Köhler. Du musst heute nichts verdienen, nichts beweisen, keinen Sack voller Zukunft nach Hause schleppen. Und doch kennst du diese Brücke. Diesen Moment, in dem etwas Kostbares noch unscheinbar ist – und du schon weiterwillst.
Im Urlaub passiert das leise. Du hetzt zum nächsten Aussichtspunkt, obwohl dein Körper noch am Bach sitzen möchte. Du ziehst das Handy, bevor der Nebel sich gehoben hat. Du nennst einen Morgen „leer“, weil er keine großen Bilder liefert, nur Eicheln: ein kühler Stein unter der Hand, ein Specht, der irgendwo hämmert, der Geruch nach Moos nach dem Regen.
Ilse schenkt nicht dem, der greift. Sie schenkt dem, der grüßt. Der folgt. Der warten kann, bis er wirklich zu Hause ist – bei sich.
Wenn du heute durchs Ilsetal gehst, musst du keine Jungfrau im Morgenlicht sehen. Es reicht, auf einer kleinen Brücke stehen zu bleiben. Hör dem Klingeln unter den Steinen zu. Nimm den Ranzen nicht zu früh auf. Manches Gold im Harz sieht zuerst nach Wald aus.
Gönn dir diesen Morgen. Der Harz hat Zeit für dich – wenn du sie ihm auch lässt.
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